Myles Kennedy: Donnernde Saiten

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Myles Kennedy: Donnernde Saiten

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Passend zu seinen hervorragenden Kompositionen brennt Alter-Bridge- und Slash-and-The-Conspirators-Frontmann Myles Kennedy auf seinem zweiten Soloalbum THE IDES OF MARCH neben den auf den Punkt eingesungenen Vocalspuren ein Gitarrenfeuerwerk par excellence ab.

Myles, dein Solodebüt YEAR OF THE TIGER (2018) stand fast komplett im Zeichen der Akustikgitarre. THE IDES OF MARCH ist im Gegensatz dazu ein krachiger Rocker mit Versatzstücken aus Blues und Country.
Anfang 2020 kam es mir in den Sinn, ein weiteres Soloalbum in Angriff zu nehmen. Ich hatte bereits ein paar Ideen gesammelt, aber es gab noch nichts Konkretes. Urplötzlich befand sich die Welt im Lockdown. Alle Livetermine wurden entweder in die Zukunft verschoben oder komplett abgesagt und mein Terminkalender war von heute auf morgen ziemlich leer. Rückblickend fokussierte ich mich wahrscheinlich gerade wegen der „Zwangsfreizeit“ so sehr darauf, kreativ zu bleiben. In den kommenden Monaten komponierte und arrangierte ich pausenlos und stellte in einer relativ kurzen Songwriting-Phase 80% des Materials von THE IDES OF MARCH fertig. In meinen Schreibpausen durchstöberte ich seit Langem mal wieder mein Archiv. Dabei bin ich auf ›Wanderlust Begins‹ und ›Love Rain Down‹ gestoßen – beide Stücke haben mehr als elf Jahre auf dem Buckel. Sie sind damals während der Sessions zu Alter Bridges AB III (2010) entstanden. Als ich sie wiederentdeckte, dachte ich mir sofort: „Hey, die passen
perfekt auf diese Scheibe!“.

Wie können zwei so starke Tracks für über eine Dekade im Archiv anstauben?
Oh man, das kann ich mir selbst beim besten Willen kaum erklären. Es geht bei der Zusammenstellung einer LP ja immer um ein gewisses Gefühl, das man transportieren möchte. Irgendwie machte es bei den beiden Nummern zuvor weder bei Alter Bridge, Slash noch Solo je klick. Spitzfindig könnte man jetzt bemerken – da die zwei Songs ziemlich akustiglastig sind –, dass sie doch super auf YEAR OF THE TIGER gepasst hätten. Inhaltlich befinden wir uns allerdings meilenweit von dem Textkonzept, das sich durch mein Debüt zog. Bei THE IDES OF MARCH konnte ich jedoch musikalisch wie erzählerisch zwei Prämissen statt nur einer abhaken und die Lieder werden nun endlich gehört.

THE IDES OF MARCH versprüht insgesamt einen positiveren Vibe als das recht düster gehaltene YEAR OF THE TIGER.
Was ich an diesem Album super interessant finde ist, dass es große Refrains mit zündenden Melodien besitzt und definitiv zum abrocken einlädt. Der Ausgleich dazu sind meine Lyrics, in denen sich die Unsicherheit aus über einem Jahr Covid-19-Pandemie widerspiegelt und die zum Nachdenken einladen. Das soll in Deutschland aber niemanden davon abhalten, über die Autobahn zu brettern und dabei THE IDES OF MARCH zu hören. (lacht)

In den Songs der Platte verschmelzen verschiedene Genres zu einer schlüssigen Synthese. Hattest du dafür eine Blaupause?
Mich erleichtert es richtig, wenn jemand die Intention dahinter versteht. Als die LP fertig war, beschlichen mich nämlich hier und da ein paar Zweifel, ob die Übergänge zwischen den einzelnen Stilelementen zu ruppig sind und zu sehr ins Gesicht knallen. Beim Komponieren mache ich mir ehrlich gesagt wenig Gedanken darüber, wie ein Song am Ende klingt oder in welcher Ecke er zu Hause ist. Hier geht es nämlich nur darum, ob sich die Fragmente, die später zu einem Song werden, ein gutes Gefühl in mir hervorrufen. Dass am Ende etwas Blues hier, ein wenig Southern Rock dort oder eine Prise Country dabei sind, ist mir in dem Moment, wenn ich daran arbeite, gar nicht bewusst. Für mich kommen diese Charakteristika erst zum Vorschein, wenn ich im Studio beispielsweise eine Lap-Steel- oder eine Resonator-Gitarrenspur einspiele.

Apropos Gitarren: THE IDES OF MARCH wird dich definitiv als Leadgitarristen manifestieren.
Viele Leute wissen nicht, dass ich auf den sechs Saiten meine Profikarriere gestartet habe. Über die Jahre hinweg habe ich es echt vermisst, Soli zu spielen. Noch bevor ich die ersten Einfälle für das Album zu Papier brachte, stand für mich fest, dass ich endlich mal wieder so richtig auf der Gitarre abgehen möchte. Das soll jetzt nicht so klingen, als ob ich nicht dankbar dafür wäre, für Alter Bridge oder Slash Songs zu schreiben und später zu singen, aber ich liebe es einfach auch sehr, in die Saiten zu greifen.

Es gibt nicht viele Künstler, die gleichzeitig Sänger, Leadgitarrist und alleiniger Komponist in Personalunion sind.
Ich denke mal, das hat viel damit zu tun, wie du mit der Materie zum ersten Mal in Berührung kommst. Bei mir war es ein Sommernachmittag, an dem ich mit meinem kleinen Bruder in unserem Garten spielte. Wir hatten diese Boombox – also den Bluetooth-Streaming-Lautsprecher der 80er-Jahre – neben uns stehen und plötzlich donnerten dieses Schlagzeugintro und eines der atemberaubendsten Soli der Musikgeschichte aus der Membran. Es war ›Eruption‹ von Van Halen und klang für mich wie etwas aus einer anderen Welt. Kurze Zeit später folgte dann Led Zeppelins ›Whole Lotta Love‹ … dieser Nachmittag war der Urknall und ebnete den Weg, den ich am Mikrofon und auf der Gitarre gehen sollte. Allerdings spielte ich danach erstmal eine ganze Zeit nur Luftgitarre, bis ich mit dem Gepose meinem Stiefvater so auf den Wecker ging, dass er mir eine richtige kaufte und den Stein ins Rollen brachte. Ich bin ihm für diesen lebensverändernden Geistesblitz immer noch über alle Maßen dankbar.

Wie lange musstest du üben, bis du all die Stilistiken, die wir auf THE IDES OF MARCH hören, auch wirklich so perfekt spielen konntest?
Wenn du als Kind mit einer Sache aus purer Freude heraus beginnst, denkst du nicht viel darüber nach. Mir war es immer egal, aus welcher Ecke ein Song oder ein Album kommt. Also interessierte ich mich von Haus aus für die unterschiedlichsten Sounds, die man dem Instrument entlocken kann. Kurz nach meinen ersten Gehversuchen nahm ich mehrere Jahre lang Unterricht in einer Musikschule, denn ich hatte mir fest in den Kopf gesetzt, ein richtig vielseitiger Gitarrist zu werden. Mir war es schon in jenen Tagen zu langweilig, nur einen Stil zu spielen oder zu hören. Ich liebe zum Beispiel Pizza, möchte aber auf keinen Fall jeden Tag eine essen. (lacht)

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